
Simon Rottig
Koordinator für Netzanschluss und Engineering bei der Solar Provider Group
1. Was genau machst du als Koordinator für Netzanschluss und Engineering?
Als Koordinator für Netzanschluss und Engineering bin ich einerseits für die technische Auslegung der Photovoltaik-Freiflächenanlage im Rahmen der Genehmigungsplanung verantwortlich. Das beinhaltet die Erstellung von Anlagendesigns und die Simulation des Energieertrags mit verschiedener Software, die Abstimmung mit Planungsbüros und Anpassung der Designs entsprechend den Vorgaben von Gemeinden, Raumordnung oder Naturschutzbehörden vom Antrag bis zur Baugenehmigung. Außerdem muss ich dabei immer einen Überblick zur wirtschaftlichen Machbarkeit behalten.
Andererseits kümmere ich mich um die Prüfung der Anschlussmöglichkeiten des Solarparks an das Stromnetz, also die Antragsstellung auf Netzanschluss bei den zuständigen Netzbetreibern und die Koordination des Netzanschlussverfahrens. Dabei fällt die Kommunikation mit den Netzbetreibern für wirtschaftlich umsetzbare Netzanschlusspunkte, im Idealfall eine Reservierung derer für die Planungssicherheit und die Suche nach Lösungen bei schlechten Netzanschlussmöglichkeiten (z.B. Anpassung der Einspeiseleistung oder Kooperation mit anderen Anschlussnehmern bzw. Projekten) in meine Verantwortung.
Im Grunde beinhaltet meine Rolle die Unterstützung des Teams bei allen Belangen bezüglich der Technik eines Solarparks beziehungsweise dem Netzanschluss.
2. Wie sieht dein typischer Arbeitsalltag aus?
Mein Alltag besteht aus viel Koordination und Absprachen mit dem Team. Hier hilft eine gute Übersicht und Dokumentation der Aufgaben, da ich in allen Projekten involviert bin und man sonst schnell durcheinanderkommt. Ansonsten beinhaltet mein Tag auch viel Kommunikation mit externen Stakeholdern (z.B. Netzbetreiber oder Planungsbüros) und dann natürlich grundsätzlich die Erstellung von Anlagendesign und Simulationen sowie von technischen Plänen und Unterlagen.
3. Was sind die allgemeinen Schritte beim Netzanschluss eines Solarparks?
Als Erstes muss nach der vertraglichen Sicherung der Fläche ein Antrag auf Netzanschluss beim zuständigen Netzbetreiber gestellt werden, um eine Aussage zu möglichen Netzanschlusspunkten zu erhalten.
Dafür werden entsprechende Formulare ausgefüllt und einige Nachweise benötigt. Darüber hinaus muss ein erstes Anlagenlayout erstellt werden, um die Einspeiseleistung für die Anfrage zu bestimmen. Die Anfrage selbst läuft dank der Digitalisierung mittlerweile meist über Onlineportale, bei kleineren Netzbetreibern (wie beispielsweise Stadtwerken) auch per Mail.
Daraufhin bearbeitet der Netzbetreiber unsere Anfrage und führt eine Netzberechnung durch. Dies sollte nach Vorschrift des EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) innerhalb von acht Wochen geschehen, dauert aber in der Realität oftmals länger. Das Ergebnis wird uns dann schriftlich mitgeteilt, wobei uns neben dem Netzanschlusspunkt auch der Zeitrahmen des Netzanschlusses, welcher aufgrund möglicherweise notwendiger Netzausbaumaßnahmen länger ausfallen kann, die Kosten beim Netzbetreiber und weitere technische Vorgaben übermittelt werden. Zu beachten ist, dass diese Aussage in der Regel unverbindlich ist und nur für die tagesaktuelle Netzsituation gilt.
Um eine Reservierung der benannten Anschlussvariante zu erhalten, muss ein Nachweis der Planungsreife übermittelt werden. Das können beispielsweise Zwischengenehmigungen wie ein Aufstellungs- oder Satzungsbeschluss sein, aber auch artenschutzrechtliche Gutachten. Die Mindestanforderung ist meistens eine Bestätigung auf die Antragsstellung zum B-Planverfahren von der Gemeinde. Die Reservierung ist dementsprechend zeitlich befristet, sodass man je nach Netzbetreiber alle sechs bis zwölf Monate einen weiteren Nachweis des Planungsfortschritts übersenden muss.

Die Reservierung ist allerdings auch nur ein Mittel der Netzbetreiber, um Planungssicherheit für Investoren und Projektentwickler zu schaffen. Die rechtliche Sicherung des Netzanschlusses erfolgt erst mit einem Netzanschlussvertrag. Dieser wird aber meiner Erfahrung nach erst am Ende der Genehmigungsplanung oder nach Erteilung der Baugenehmigung unterzeichnet, wenn das konkrete Anlagenlayout feststeht und klar ist, welche Komponenten verbaut werden sollen. Hier müssen die technischen Details mit den sicherheitstechnischen Vorgaben der Netzbetreiber übereinstimmen, dann kann der Netzbetreiber die entsprechenden Anlagen für den Netzanschluss vorbereiten oder errichten.
Wenn die Photovoltaik-Freiflächenanlage gebaut wurde, braucht es noch das Anlagenzertifikat, in welchem die Einhaltung der technischen Vorgaben bestätigt wird. Liegt dem Netzbetreiber alles vor und sind alle notwendigen Anlagen errichtet und geprüft worden, kann die Anlage schlussendlich ans Netz angeschlossen werden und dort den erzeugten Solarstrom einspeisen.
4. Welche sind dabei die größten Herausforderungen in deiner Rolle und beim Bau von Solarparks in Deutschland?
Eine große Herausforderung sind die immer knapper werdenden Netzkapazitäten, die uns für geplante Solarparks angeboten werden. Im letzten Jahr haben wir einen starken Anstieg an negativen Stellungnahmen verzeichnet, bei dem zum Beispiel ein Anschluss im Mittelspannungsnetz erst in fünf bis zehn Jahren ermöglicht oder auch komplett verweigert wird.
Auch weit entfernte Netzanschlusspunkte stellen ein Problem dar, weil so die Anschlusskosten enorm in die Höhe gehen. In manchen Regionen mit guten Gegebenheiten für Photovoltaik-Freiflächenanlagen ist aber die notwendige Netzinfrastruktur einfach (noch) nicht vorhanden. Da unsere Pachtverträge oder auch Zusagen von Gemeinden allerdings nicht übermäßig lange Gültigkeit besitzen, müssen leider immer wieder vielversprechende Projekte abgebrochen werden, da keine wirtschaftlich realisierbare Netzanschlussmöglichkeit gegeben ist.
Das führt dann wiederum zur nächsten großen Herausforderung, nämlich die schwer zu erhaltenen Informationen zu verfügbaren Netzkapazitäten und die Kommunikation mit den Netzbetreibern. Das Projekt muss schon ein Stück weit anlaufen, bevor wir eine einigermaßen verlässliche Aussage zum möglichen Netzanschlusspunkt erhalten, wodurch oftmals bereits viel Arbeit und Zeit in die Planung des Solarparks fließt, ehe sich herausstellt, dass das Projekt nicht in einem vernünftigen Rahmen ans Netz kommt. Das aktuelle System für die Zusammenarbeit von Netzbetreibern und Projektentwicklern von Solarparks in Deutschland bietet hier noch großes Potenzial für künftige Verbesserungen.
5. Welche Netzkapazitäten sind notwendig, um einen Solarpark ans öffentliche Netz anzuschließen?
Aktuell werden die Netzanschlüsse so ausgelegt, dass die maximale Anschlussleistung des Solarparks (STC – Standard Testing Conditions, entspricht nicht der dauerhaften Realität) als Grundlage genommen wird und das Netz am Einspeisepunkt nicht überlastet werden darf.
Unsere Photovoltaik-Freiflächenanlagen befinden sich bei der Anschlussleistung zwischen 10 und 60 MW (AC-Leistung der Wechselrichter). Es kommt also zum einen auf unsere Angaben zur Leistungsgröße und zum anderen auf die freien Kapazitäten im Verteilnetz an.
Dieses ist auf der Mittelspannungsebene vielerorts schon sehr stark ausgelastet, bei den Hochspannungsnetzen gibt es hingegen häufig noch etwas mehr Luft nach oben. Dort ist allerdings die Errichtung eines eigenen Umspannwerks vonnöten, was einerseits hohe Investitionskosten und andererseits eine längere Entwicklungsdauer bedingt, während bei der Mittelspannung vorteilhafterweise die bestehenden Umspannwerke der Netzbetreiber genutzt werden.
Es gibt allerdings mit zunehmendem Ausbau der Energieinfrastruktur auch immer mehr Bestrebungen, die Netzkapazitäten effizienter zu nutzen und Anschlusspunkte für Erneuerbare Energien sozusagen zu "überbauen". Nach einer Studie des BEE mit der Anwaltskanzlei bbh und dem Fraunhofer ISE vom letzten Jahr, werden die Netzanschlusspunkte aktuell nur zu 13% bei Photovoltaik- und 33% bei Windkraftanlagen ausgelastet, da die Maximalleistung nicht dauerhaft über das Jahr auftritt.
Im Februar wurde nun auch eine Novelle des EEG beschlossen, welche sogenannte flexible Netzanschlussvereinbarungen ermöglicht. So könnten sich Anlagen Erneuerbarer Energien einen Netzanschlusspunkt teilen und eine größere Maximalleistung angeschlossen werden (umgangssprachlich überbaut), als dies zuvor auf herkömmliche Art und Weise noch möglich war. Das wird hoffentlich die Netzanschlussmöglichkeiten flexibilisieren und Kannibalisierungseffekte beziehungsweise Abregelungen mindern.
6. Welche Innovationen könnten den Netzanschluss in Zukunft erleichtern?
Eine vereinfachte und digitalisierte Bearbeitung von Netzanschlussanfragen wird aktuell schon angeboten, ist allerdings noch zu unzuverlässig. Hier braucht es verlässlichere Lösungen, damit Investoren und Projektierer weniger von der Arbeit der Netzbetreiber abhängig sind, zugleich aber akkurate Angaben zu den vorhandenen Netzanschlussmöglichkeiten erhalten.
In Ländern wie Großbritannien oder den USA ist es sogar ganz normal, dass die Netzbetreiber die freien Kapazitäten im Stromnetz veröffentlichen. So können Projekte da geplant werden, wo auch Möglichkeiten zum Netzanschluss existieren. Genial, oder? Dieser Bereich wird in Deutschland aus meiner Sicht noch sehr ineffizient gehandhabt, auch wenn es bereits erste Ansätze zur Verbesserung gibt.
Weiterhin halte ich flexible Netzanschlusskonzepte, die komplementären Erzeugungsanlagen wie Photovoltaik, Windenergie und Speichern mehr Möglichkeiten geben, für äußerst sinnvoll. Einen ersten Schritt hat es mit der EEG-Novelle vom Februar gegeben, jetzt kommt es darauf an, wie gut sich die Theorie auch bei den Netzbetreibern in der Praxis bewährt.
Abschließend wären vereinfachte Genehmigungsprozesse für kritische Infrastrukturen wie Stromtrassen ein gutes Mittel, um den zunehmenden Netzengpässen zuvorzukommen. Es sollte doch mindestens möglich sein, diese Vorgänge effizienter bearbeiten zu können, sodass einerseits die Behörden und Ämter nicht überfordert werden und andererseits für Projektentwickler keine Wartezeiten von bis zu mehreren Jahren entstehen, die im schlimmsten und nicht seltenen Fall in einer Absage für das Projekt enden.
7. Wie lang dauert es typischerweise, einen Netzanschluss für einen neuen Solarpark zu realisieren?
Das kommt auf zahlreiche Faktoren an. Zum einen kann der Netzanschluss erst geschehen, wenn der Solarpark errichtet wird, wobei die Entwicklungszeit meist zwei bis vier Jahre beträgt, und zum anderen muss das Netz dafür entsprechend ausgestattet sein, sodass keine Netzausbaumaßnahmen von fünf bis zehn Jahren notwendig sind. Das beide Vorgänge parallel ablaufen und ineinander übergehen, kommt leider nicht so oft vor, wie man es sich für einen reibungslosen Projektablauf wünschen würde. Insbesondere bei einem Anschluss an das Hochspannungsnetz mit einem kundeneigenen Bau des Umspannwerkes, verlängert sich der Prozess um ein Weiteres, da auch das Umspannwerk ein genehmigungspflichtiges Bauwerk ist.
Läuft dann alles glatt, kann der Netzanschluss bei einem Anschluss an das bestehende Mittelspannungsnetz einige Monate nach dem Bau der Anlage und somit circa drei bis vier Jahre nach dem eigentlichen Start der Projektentwicklung realisiert werden. Allerdings kommt es auch hier häufig zu Verzögerungen.
Nach einer Mitgliederstudie des BSW Solar dauert es im Schnitt zehn Monate, bis der Netzanschluss nach dem Bau der Anlage vollzogen ist. Muss ein eigenes Umspannwerk für einen Hochspannungsanschluss gebaut werden, dauert es ein, zwei Jahre länger.
8. Welche Faktoren sind entscheidend für die Standortauswahl eines Solarparks aus Sicht des Netzanschlusses?
Die Nähe zum Netzanschlusspunkt ist entscheidend, da mit größerer Entfernung die Investitionskosten für die Kabeltrasse vom Solarpark zum Anschlusspunkt erheblich steigen. Außerdem haben lange Kabeltrassen auch höhere Planungsrisiken, da die Flächen vertraglich gesichert und gegebenenfalls mehr Genehmigungen von Ämtern/Behörden eingeholt werden müssen.
Der zweite wichtige Faktor ist die Auslastung des Verteilnetzes (Mittel- und Hochspannung). Sind die Netze stark ausgelastet, kann die Anlage wahrscheinlich nicht mehr dort einspeisen und es muss demzufolge entweder ein weiter entfernter Netzanschlusspunkt gewählt oder mehrjährige Netzausbaumaßnahmen abgewartet werden.

Die Auslastung der Verteilnetze wird aber nur bedingt öffentlich gemacht, sodass sich zunächst eine Art Ratespiel aus verschiedenen Quellen ergibt und man erst auf die Netzberechnung warten muss, um eine konkrete Aussage zu erhalten. Es gibt mittlerweile auch Online-Tools von größeren Netzbetreibern für schnelle, unverbindliche Prüfungen, aber diese sind leider noch recht unzuverlässig oder noch gar nicht im großen Stil ausgerollt.
9. Wie bewertest du die Netzstabilität und spielen Netzengpässe in Deutschland eine Rolle?
Das deutsche Stromnetz ist zurzeit sehr stabil, denn laut dem VDE lag die Ausfallzeit im ganzen Jahr 2023 durchschnittlich bei gerade einmal 13,7 Minuten.
Trotzdem sind Netzengpässe durchaus zu spüren. Dies wird deutlich, wenn man in die Netzausbaupläne der Verteilnetzbetreiber schaut, in denen viele Bereiche der Stromnetze der Mittel- und Hochspannung als "Engpassregionen" gekennzeichnet sind.
Es herrscht also ein enormer Ausbaubedarf, der natürlich viel Zeit und Material kostet. Auch bei den eigenen Projekten merken wir immer mehr, dass sich die Anschlusszeiträume verlängern und wir zum Teil erst nach 2030 unsere Anlage ans Netz anschließen könnten, da zunächst die lokale Netzinfrastruktur ausgebaut werden muss.
Der Netzausbau ist meiner Erfahrung nach ein entscheidender Hebel für das Gelingen der Energiewende und weitergehend für das Erreichen der Klimaziele im Stromsektor. Ein alleiniges Ausbauen der Leitungen und Anlagen wird nicht ausreichen, da die Umsetzungszeiträume dafür schlichtweg zu groß sind. Lieferengpässe oder lange Genehmigungsverfahren für die Stromtrassen und Umspannwerke halten den Ausbau zusätzlich auf.
Es ist also Kreativität bei der Planung beim Netzanschluss für Solarparks gefragt, weshalb Ansätze wie die effizientere Nutzung der bestehenden Infrastruktur, bessere Anmelde- und Bearbeitungsprozesse bei den Netzbetreibern und ein starker Ausbau von netzdienlichen Speichern besonders wichtig sind.
10. Wie siehst du die Zukunft der Solarenergie in Deutschland?
Ich denke, dass die Solarenergie in Deutschland immer noch gute Aussichten hat und weiterhin ein unabdingbarer Teil der Energiewende ist - und das in den nächsten Jahrzehnten auch bleiben wird.
Natürlich bereitet einem die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auch Sorgen, wenn man mitbekommt, wie so manche Parteien mit Halbwahrheiten oder Lügen Stimmung gegen Erneuerbaren Energien machen. Am Ende ist aber selbst der Gas-, Kohle- oder Atomlobby klar, dass es bei der Stromerzeugung keine volkswirtschaftlich günstigere Alternative als die Photovoltaik gibt. Mit Stromgestehungskosten von 4 bis 12 ct/kWh (Fraunhofer ISE, 2024) können damit allein Windkraftanlagen mithalten, aber fossile Anlagen verursachen schlichtweg mehr als das doppelte an Kosten.
Gleichzeitig und spannenderweise ist die Entwicklung von Photovoltaik noch lange nicht am Ende. Mit neuartigen Solarzellen wie Perowskit-Tandemzellen lässt sich die Effizienz von Anlagen immer noch erhöhen. Andererseits können mit flexiblen Dünnschichtzellen immer mehr Flächen für die Stromproduktion genutzt werden, auch abseits von Freiflächen zum Beispiel an Fassaden oder in Fahrzeugdächern integriert.
Wichtig wird es meiner Meinung nach, dass man sich nicht von den festgelegten Ausbaupfaden ablenken lässt und neben dem Ausbau von Photovoltaik-Freiflächenanlagen eben auch die Entwicklungen von Stromnetzen und Speichertechnologien nicht vergisst. Außerdem sollte man offen für andere alternative Ansätze (wie dezentralere Stromversorgungskonzepte) bleiben.
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